Kapitel 29

Der Baum, der gelogen hat

„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz.“ – Galater 5,22–23 (SCH2000)

Die Morgensonne begann die Straße von Bethanien zu erwärmen. Jesus und seine Jünger gingen Richtung Jerusalem, der Stadt, die in der Ferne noch still dalag. Staub klebte an ihren Sandalen. Die Luft war trocken. Jesus hatte Hunger.

Dann sah Er es – einen Feigenbaum, hoch an der Straße, voller grüner Blätter. Von weitem schien er vielversprechend. In jener Region tragen Feigenbäume normalerweise kleine essbare Triebfrüchte (so genannte „Frühfeigen“) etwa zur gleichen Zeit wie die Blätter sprießen. Ein belaubter Baum deutete also auf Früchte hin.

Jesus näherte sich ihn mit der Erwartung, etwas zu finden, das seinen Hunger stillt. Doch als Er die Blätter beiseite schob, war da nichts. Keine Frucht. Nur leere Zweige, verhüllt hinter einer verheißungsvollen Erscheinung.

Und dann tat Jesus etwas Unerwartetes.

Er verfluchte den Baum: „Möge nie jemand mehr eine Frucht von dir essen!“ Er verdorrte von den Wurzeln an.

Es ging nicht um das Frühstück. Es ging um Heuchelei. Dieser Baum hatte gelogen.

In der Schrift stehen Feigenbäume oft symbolisch für Israel – und in diesem Fall war der Baum ein prophetisches Bild für ein Volk, das äußerlich fromm schien, aber keine echte Frucht trug. Wie die Pharisäer, die ihre Gerechtigkeit wie lange Roben trugen, versprach der Baum Früchte, die nicht vorhanden waren. Er war voll Blätter, aber ohne Frucht.

Blätter stehen in der Schrift für menschliches Bemühen. Zum Beispiel: Als Adam und Eva im Garten sündigten – was taten sie? Sie bedeckten sich mit Feigenblättern – das Werk ihrer eigenen Hände – um ihre Scham zu verbergen. Aber Gott ersetzte ihre Blätter durch das Fell eines Opfers. Von Anfang an zeigt Er uns, dass selbstgemachte Deckungen nicht genügen.

Blätter haben den Schein von Gerechtigkeit. Sie sind das, was wir zusammennähen, um uns zu bedecken – unsere Leistung, unsere Disziplin, unsere religiösen Handlungen. Aber Gott ist nicht  beeindruckt von einem gut gekleideten Baum. Er sucht nach Frucht.

Und Frucht ist etwas, das nur der Geist hervorbringen kann.

Manche Menschen zeigen sehr gut den äußeren Anschein von Spiritualität – Aktivität, Wissen, Tradition, Sprache. Aber wenn man nah genug ran geht, um die Blätter zu lüften, findet man keine Frucht. Keine Liebe. Keine Freude. Kein Frieden. Keine Langmut. Keine Freundlichkeit. Keine Güte. Keine Treue. Keine Sanftmut. Keine Selbstbeherrschung.

Es ist nicht nur, dass sie geistlich trocken sind – sie tun so, als wären sie es nicht. Das ist die Definition von Heuchelei.

Galater 5 gibt uns ein ganz anderes Bild. Paulus sagt nicht, dass uns der Geist hilft, Blätter anzulegen. Er sagt, der Geist produziert Frucht. Echte Frucht – die von innen heraus wächst.

Beachte, wie Paulus den Vers beendet: „Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz.“ Man braucht keine Regeln, um die Frucht des Geistes zu regulieren. Es gibt keine Einschränkung, keine Obergrenze. Du kannst nicht zu viel Freundlichkeit haben. Zu viel Geduld. Zu viel Frieden. Diese Dinge müssen nicht kontrolliert oder gemessen werden – sie müssen kultiviert werden.

Und das Beste ist: Es ist der Heilige Geist, der sie hervorbringt. Du musst sie nicht erzwingen. Du musst nur verbunden bleiben mit dem Weinstock.

Die Frage ist also nicht, wie geistlich wir aus der Ferne wirken – sondern was Menschen finden, wenn sie nahe kommen. Gibt es etwas, das wir bewerben, das nicht echt ist? Oder geben wir dem  Geist Raum in uns etwas wachsen zu lassen, das Bestand hat?

 

Zum Nachdenken:
Wenn Menschen dir nahekommen, was sehen sie? Bist du mehr auf Erscheinung fixiert – oder auf Frucht? Bitte den Heiligen Geist heute, dein Herz auf verborgene „Blätter“ hin zu prüfen die fallen müssen und dir Gnade zu schenken, echte Frucht zu tragen.

Gebet:
Heiliger Geist, ich möchte nicht nur Blätter ohne Frucht sein. Pflanze in mir die bleibende Frucht – Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Nimm weg, was nur Schein ist. Lass mein Leben in Wahrheit Dein Zeugnis sein.

Handlungsimpuls:
Verbringe heute zehn Minuten in Stille und bitte den Herrn, dir zu zeigen, welche Frucht in deinem Leben wächst – und wo Er dich schneiden oder pflanzen möchte. Versuche nicht, dich mit neuen „Blättern“ zu bedecken. Lass Ihn die tiefergehende Arbeit tun. Frucht braucht Zeit, aber sie ist es wert.