Kapitel 27

Hört auf, euch gegenseitig zu fressen

„Geschwister, ihr seid zur Freiheit berufen! Doch gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort zusammengefasst, in dem Gebot: »Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst.« Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.“ – Galater 5,13–15 (NGU2011)

In der griechischen Mythologie erhielt Kronos, der Herrscher der Titanen, eine eisige Prophezeiung: Einer seiner Kinder würde einst aufstehen und ihn stürzen. Aus Angst vor Machtverlust tat Kronos das Undenkbare – er verschlang seine eigenen Söhne und Töchter gleich nach deren Geburt. Einer nach dem anderen verschlang er sie, in dem Glauben, so seine Herrschaft sichern zu können. Doch indem er sich selbst schützen wollte, zerstörte er seine eigene Zukunft.

Dieser schaurige Mythos ist ein lebendiges Bild von dem, wovor Paulus in Galater 5 warnt.

Anstatt einander in Liebe aufzubauen, „bissen und verschlangen“ sich die Galater gegenseitig. Es war geistlicher Kannibalismus – Eifersucht, Spaltung, Konkurrenz, Verleumdung – und all das drohte, ihre Gemeinschaft von innen heraus zu zerstören.

Und das Tragische: Die Verfolgung kam nicht von außen. Sie fraßen sich selbst auf.

Gesetzlichkeit erzeugt Stolz, Konkurrenz, Unsicherheit und Angst. Sie setzt Menschen auf das Laufrad religiöser Leistung, die sich dann gegeneinander ausspielen und unterschwellig eine geistliche Überlegenheit  zeigen.

Deshalb nimmt Paulus diese Kontrastlage so eindringlich auf:
„...ihr seid zur Freiheit berufen! Doch gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe. “

Hier wird die entscheidende Unterscheidung deutlich:
Jemand verschlingen heißt, ihn für die eigenen Zwecke zu nutzen.
Jemandem dienen heißt, sich selbst für sein Wohl zu verschenken.

Der eine konsumiert. Der andere opfert.
Und Paulus lässt es nicht abstrakt – er erinnert an Jesus:

„Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst.“

Wo Gläubige beginnen, sich gegenseitig zu verschlingen, setzt geistlicher Verfall ein. Dann erfüllen wir nicht mehr das Gesetz Christi. Wir leben nicht mehr in Freiheit. Und der Leib Christi leidet darunter.

Deshalb müssen wir wachsam sein – und mit Liebe dagegen stehen.

 

Zum Nachdenken:
Hast du schon gebissen, verschlungen, dich von anderen ernährt, emotional, geistlich oder beziehungstechnisch? Gibt es Bereiche, in denen Vergleich, Kritik oder Stolz eingedrungen sind? Bitte den Heiligen Geist, dir das zu zeigen – und dir zu helfen, es durch Liebe zu ersetzen.

Gebet:
Vater, vergib mir die Zeiten, in denen ich andere niedergerissen habe, statt sie aufzubauen. Befreie mich von Stolz, Eifersucht und Verurteilung. Lehre mich, meine Freiheit zu nutzen, um zu dienen, nicht um zu verschlingen. Lass mich andere lieben, wie Du mich liebst. Amen.

Handlungsimpuls:
Suche diese Woche gezielt nach einer Gelegenheit, jemandem Liebe zu zeigen, der schwer zu lieben ist. Vielleicht eines deiner Geschwister, ein Gemeindemitglied oder jemand, der dir Unrecht tat. Beiße nicht – segne! Verschlinge nicht – diene! Zeige der Welt, wie Liebe aussieht.