Wüstenzeiten

Wenn du durch schwere Zeiten gehst ...

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
2. Korinther 4,8-9

Gott versprach den Israeliten ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Er versprach ihnen ein gutes und weites Land, in dem sie Ruhe vor ihren Feinden haben würden. Er verhieß ihnen, sie aus der Gefangenschaft der Sklaverei zu befreien und sie in das Land ihrer Träume zu geleiten. Das war sein Versprechen, sein Wort an sie.

Welch eine Freude müssen die Israeliten empfunden haben, als sie nach Jahrhunderten der Sklaverei in Ägypten diese Verheißung hörten. Allerdings befanden sie sich schon bald in der Wüste – keine Milch, kein Honig, keine Sicherheit, kein Erbe, keine erfüllte Verheißung. Vor Monaten, als das Rote Meer sich vor ihren Augen teilte, mussten ihnen Gottes Verheißungen noch sehr real erschienen sein! Sie hatten in diesem Moment wahrscheinlich schon fast die Früchte des Landes schmecken und die Lilien riechen können. Aber stattdessen sah ihr Alltag nun anders aus: Staub, Gefahr, Felsen, Durst, Schlangen und Angst – eben die Wildnis. Gott versprach das Verheißene Land, nur um sie dann in die Wüste zu führen. 

Israel steckte in einem Dilemma. Das Wort Gottes, das eine glorreiche Zukunft versprach, schien in dieser Wildnis der zerbrochenen Träume absurd zu sein. Israel war gefangen in dieser seltsamen Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung. Aber genau das war der Zeitpunkt, an dem sie glauben mussten. Hätten sie Gottes Wort inmitten dieser Krise geglaubt, dann hätten sie ihm auch gehorcht und die Verheißungen genossen. Doch da sie nicht glaubten, gehorchten sie auch nicht – und konnten auch nicht aus dem Wort profitieren. Gott stellte sie in diese Situation, um ihren Glauben und ihren Gehorsam zu prüfen.

Die Reaktion des Volkes war bedauerlich. Sie stellten den Herrn, der sie befreit hatte und ihnen Gutes versprochen hatte, auf die Probe. Und als sie von den Bewohnern ihres verheißenen Landes hörten, sagten sie: „Wären wir doch bloß in Ägypten oder hier in der Wüste gestorben! Ach, wären wir doch schon tot! Warum hat uns der Herr in dieses Land gebracht? Etwa nur, damit wir hier in der Schlacht getötet werden und unsere Frauen und Kinder als Sklaven verschleppt werden? Wäre es da nicht das Beste für uns, nach Ägypten zurückzukehren? … Lasst uns einen Anführer wählen und nach Ägypten zurückkehren“ (4. Mose 14,2-4; Neues Leben).

Kein Wunder, dass sie Gott verärgerten. Sie stellten Seine Treue aufgrund dessen, was ihre natürlichen Sinne wahrnahmen, in Frage, anstatt sich auf das zu verlassen, was Gott sagte. Ihr Mangel an Glauben verwandelte sich langsam in offene Rebellion. Sie spotteten über Gottes Verheißungen und widersetzten sich seiner Leitung und seinen Anweisungen. Als Resultat profitierten sie nicht von dem Wort, das sie ursprünglich gehört hatten. Sie starben in der Wildnis, ohne das Verheißene Land betreten zu haben.

Deshalb dürfen wir, wenn wir uns in einer geistlichen Dürrephase befinden, unsere schwierige Situation nicht auf Gottes Charakter und Integrität projizieren. Gott ist immer gut! Von jedem Wort zu leben, das aus seinem Munde hervorkommt, bedeutet, seinen Verheißungen auch dann zu glauben, wenn sie unmöglich erscheinen. Das ist der eigentliche Sinn und Zweck der Wildnis! Wenn Gott uns ein Verheißenes Land zusagt, dann führt er uns deshalb normalerweise zuerst durch das Gegenteil – durch die Wüste. Dies sind die Wege Gottes, die Israel nicht kannte. Aber es sind die Wege Gottes, die wir kennen müssen!

Im Reich Gottes muss einer Auferstehung immer der Tod vorausgehen. Entscheidend ist, dass wir diese geheimnisvollen, göttlichen Wege verstehen und inmitten des Tals des Todesschattens dem Wort glauben, das uns Leben verheißt. Jesus verkündete diese Art des Glaubens am Kreuz, als er sagte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lukas 23,46; Schlachter). Das müssen auch wir tun. Gott möchte sehen, ob wir seinem Wort während unserer Zeit in der Wildnis glauben. Und er möchte sehen, ob wir ihm selbst dann noch glauben, wenn er uns aus unserer Selbstgenügsamkeit herausgerissen hat – noch bevor sich das Wort der Verheißung für uns erfüllt. Wenn wir ihm glauben, dann gibt uns diese Art des Glaubens die Stärke, ihm in dieser Unwirtlichkeit treu zu bleiben. Und es bereitet uns auf den Lohn der Auferstehung vor – das Eintreten in das Verheißene Land.

So wird Gottes Wort zu unserer Nahrungsquelle in der Wildnis. Denn die Wildnis selbst wird uns keine geistliche Nahrung für unsere müden Seelen bieten. Der Teufel wird in diesen Zeiten kommen, uns auf die widrigen Umstände in dieser Wüste hinweisen und darauf pochen, dass Gottes Verheißung in Wahrheit nur eine Lüge ist oder dass wir ihn falsch verstanden haben. Vergiss es nicht: Der Grund, warum Gott uns auf den schwierigen Pfad der Wildnis geführt hat, ist, um zu sehen, ob wir seinem Wort auch dort noch glauben. Denn da zählt es wirklich. Sein Wort ist unsere Nahrung inmitten der Wildnis.

Der Hebräerbrief bietet noch weitere Impulse über das Wort Gottes, das zu Christen in der Wüste gesprochen wird. „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“ (Hebräer 4,12; Luther). Betrachtet man den Kontext dieses Verses innerhalb des Briefes, so scheint er zunächst fehl am Platz zu sein. Der Autor hatte gerade über das Eintreten in Gottes Ruhe nach einer Wüstenzeit geschrieben: „So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam“ (Hebräer 4,11; Luther). Im nächsten Vers schreibt er, dass Gottes Wort schärfer ist als ein Schwert und in der Lage, die tiefsten Tiefen des menschlichen Herzens zu zertrennen.

Wenn Gott uns sein Wort der Verheißung gibt, während wir uns noch in Ägypten befinden, dann ist sein Wort wie ein frischer Atemzug des Lebens und der Hoffnung. Doch wenn dieselbe Verheißung mit uns in die Wildnis geht, dann wird sie dort zum Schwert, das die Tiefen unseres Herzens offenbart. Die wahre Intention unseres Herzens wird nur dann erkennbar, wenn die äußeren Umstände dem Wort der Verheißung komplett widersprechen. In anderen Worten: Wenn Gottes Wort der Verheißung mit uns in die Wildnis geht, dann offenbart es, ob wir Gott wirklich treu sind oder ob wir nur wollen, dass er unseren Interessen dient.

Es ist leicht, Gott zu vertrauen, wenn alles glatt läuft und wir gute Laune haben. Aber wenn unser Leben eine Wende einschlägt und dunkle Wolken aufziehen, wird es schwieriger, Gottes Wort zu glauben. An diesem Punkt werden wir mit der Versuchung konfrontiert, enttäuscht zu werden und Gott – oder zumindest anderen Christen oder unseren geistlichen Leitern – die Schuld dafür zu geben, dass das Wort nicht eingetreten ist. Es sind diese Momente, in denen deutlich wird, ob wir Gott wirklich treu sind, und zwar zu allen Zeiten, unabhängig von Umständen, oder ob wir ihm nur dann folgen, wenn es unserem eigennützigen Interesse dient. Diejenigen, die sich als Menschen des Geistes bewährt haben, werden sicher nicht alles genießen, was ihnen in dieser Phase der Dürre begegnet, aber sie sind bereit, es anzunehmen. 

Wenn wir Gottes Wege kennen, wissen wir, dass Er Leben aus dem Tod hervorbringt. Gerade wenn uns die Wüste mitunter wie eine Art Kreuzigung unseres Selbst vorkommt, müssen wir dem Wort Gottes glauben, das uns Leben verheißt. Lass uns nicht dem Beispiel von Israels Ungehorsam folgen. Leiste dem Wort Gottes keinen Widerstand, auch wenn es inmitten deiner öden Zeit scheinbar so wenig Sinn ergibt. Genieße stattdessen das Wort Gottes! Erquicke dich an ihm! Verschlinge es, indem du natürliches Denken mit göttlichem Denken ersetzt und im Glauben daran festhältst, auch dann, wenn es deinen Umständen widerspricht. So lebt man von jedem Wort, das aus Gottes Mund hervorkommt. So ernährt man sich in der Wildnis.


Ich hab einmal eine Geschichte über ein paar Wissenschaftler gelesen, die die sogenannte Biosphäre nachgebaut haben. In dieser Biosphäre wurde jede natürliche Umgebung, die es auf der Erde gibt, künstlich nachgebildet, Wüsten, Berge und Regenwälder. Es wurde alles in dieser Biosphäre rekonstruiert. Aber es gab eine Sache, die sie nicht nachbilden konnten, und zwar den Wind. 

Zunächst dachten die Wissenschaftler, dass das nicht so schlimm wäre. Aber als die Jahre vergingen, wurde deutlich, dass die Abwesenheit von Wind verheerende Auswirkungen auf die Bäume hatte. Denn die Bäume mussten nun während ihres Wachstums nie dem Widerstand des Windes standhalten und wurden dadurch schwach. Schließlich zerbröckelten sie und brachen unter ihrem eigenen Gewicht zusammen, weil sie nie dem Wind ausgesetzt waren. 

Lesen Sie passend passend dazu folgendes Gedicht von Douglas Malloch:

Ein Baum, der nie zu ringen hat 
um Sonne, Himmel, Luft und Licht, 
und steht auf Ackerboden satt,
dem es auch nie am Nass gebricht: 
Niemals wird er ein König sein – 
er vegetiert und geht dann ein. 

Ein Mann, dem alles leicht gelingt, 
vor dem das Hindernde verpufft,
der nie sich müht, der niemals ringt 
um Sonne, Himmel, Licht und Luft: 
Aus dem wird nie ein starker Mann – 
er lebt und stirbt, wie er begann. 

Was stark sein soll, braucht Widerstand, 
wird nicht so leicht hinweggerafft; 
was sich bewährt, das hat Bestand, 
und schweres Müh‘n bringt neue Kraft. 
Denn Hitz‘ und Kälte, dies Gespann, 
schafft gutes Holz in Baum und Mann. 

Und dort, wo es so schwierig war, 
da steh‘n sie beide – hoch und fest; 
da reden sie mit Sternen gar – 
doch manche Narb‘ erkennen lässt, 
dass Sturm es gab und oftmals Qual. 
So ist das Leben nun einmal.

Gott schickt den Wind. Er lässt es zu, dass wir durch Wüstenzeiten gehen. 
Nicht weil Er uns hasst, sondern ganz im Gegenteil: Er tut es, weil er uns liebt.